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| Eine Stunde und vierzig Jahre |
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Das
enge, übersichtlich geordnete Arbeitszimmer gibt den Platz kaum her, A.
Böhlich beim Malen zu beobachten. Der Arbeitsplatz füllt die ganze
Fensterseite des schmalen Raumes.
Wie viele -zahlenmäßig längst nicht mehr nachvollziehbare- Klausuren,
Dissertationen, Beleg- und Diplomarbeiten hat der bescheidene Arbeitstisch
wohl ertragen, ehe er zum Tat-Ort einer der vermutlich schwierigsten
malerischen Techniken wurde? |
A. Böhlich
aquarelliert seit mehr als vierzig Jahren. Angeregt hat ihn dazu im
Studium besonders der Dresdner Maler Gerhard Stengel. Das Aquarell ist die
Technik, die A. Böhlich am frühesten fesselte. Später richtete sich
seine gestalterische Entdeckerfreude auf kleinformatige
Kaltnadelradierungen. Die Druckplatten dazu ließen sich ohne großen
Aufwand herstellen. Selbst unterwegs wurde gezeichnet und radiert.
Aber die rechte Hand
verweigert sich seit einer gravierenden Verletzung im Zusammenhang mit
einem schwerwiegenden Unfall 1990 dieser Technik, hält den Druck nicht
mehr aus, mit dem die Zeichnung in die Platte geritzt wird.
Das Malen -im Stehen und aus dem ganzen Körper heraus- erhält nun einen
neuen Stellenwert - ebenso das größere Bildformat. Ohnehin hat
der Umgang mit Naturmaterialien -als materielle und geistige Aneignung der
Welt- A. Böhlich als Forscher zur Kunsterziehung und als Kunsttheoretiker
schon immer interessiert. |
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Der ästhetischen Aneignung und dem Ursprung von
Kunst widmete er eine umfangreiche Vorlesungsreihe.
Malen ist für ihn ein Naturprozess,
Aquarellieren als Pflege einer faszinierenden Kulturleistung von Turner
bis Nolde betrachtet er als eine spannende Herausforderung. Er selbst
bezeichnet diese Technik als ein feines, sensibles Instrument.
Was lässt sich damit zum Klingen bringen? Wie reagieren Materialien
miteinander: Verschiedenartige Farben, Pigmente, unterschiedlich starke
Flach- und Rundpinsel von Wasser durchtränktes Papier?
Wie verändert sich die Sprache der
Farbflecken, wie agieren sie, wenn das feuchte Blatt zusätzlich während
des Malvorganges bewegt wird?
A. Böhlich probiert dabei unterschiedlichste Papiere aus: Weißenborner,
Hahnemühle, Schoellershammer, Schut, selbst Packpapier. Die Ehrfurcht vor
kostbaren Papieren ist noch immer tief in ihm verwurzelt. Jahrelang hat er
solche Bögen sorgsam aufgehoben, ehe sie Gestaltung erfuhren. jedes
Papier hat seinen eigenen Charakter. Weniger geleimtes Papier bleibt
länger feucht. Es kommt auch vor, dass es beim Benetzen überreizt wird.
Beim Malen darf es sich nicht wellen, sonst entstehen ungewollte
Farbschlieren, die sich verselbstständigen und gesucht
Spontan-Verfließendes in seiner ästhetischen Wirkung beeinträchtigen
oder gar aufheben.
Auch soll es nicht zu rauh sein. Oft bevorzugt Adolf Böhlich beim
Aquarellbogen deshalb die glattere Rück- gegenüber der Kornseite.
Hat dieser Bogen dann seine Bestimmung
erfahren, wird mit einem sehr weichen Schwamm behutsam das Papier
angefeuchtet - immer zuerst die Rückseite.
Völlig plan schmiegt es sich nun an die Arbeitsplatte. Und schon gleitet
der erste dicke Pinsel waagerecht und in leichten Schwüngen darüber:
Hin, her, rüber, nüber, hin, her. ..Zunächst werden die helleren Töne
gesetzt, später die dunkleren.
Schicht für Schicht überlagern sich
Farbklänge. Zwischendurch wird die gesamte Platte, auf der das Blatt
haftet, angehoben, diagonal gekippt, gedreht ... Dann kommen bis zu sechs
verschiedene Pinselstärken beim Malen zum Einsatz: Rüber, nüber, hin,
her steuert die Hand. Farbe läuft aus, wird mit dem nassen Pinsel wieder
aufgenommen ... Lappt eine Form ungebührlich aus, wird zügig reingemalt.
Wieder wird das Gesamte angehoben, gekippt, kontrolliert, gedreht. Eine
Landschaft kristallisiert sich heraus: Erinnerung an Mecklenburg.
Wie lange dauert ein Aquarell? - Eine Stunde
und vierzig Jahre, antwortet A. Böhlich ein wenig verschmitzt und
bedeutungsvoll zugleich.
Robert Schumanns Sinfonie Nr. 1. ist verklungen, >Peer Gynt< von
Edward Grieg füllt den kleinen Raum. A. Böhlich ist unruhig - Wird das
Blatt nach dem Trocknen seinen Intentionen entsprechen? |
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